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Ich bin jemand, der eigentlich zwei Berufe hat. In dem einen versuche ich für den Unterhalt der Gesellschaft zu sorgen, mit
zu sorgen. In dem anderen für ihre Unterhaltung. In dem ersten Beruf bin ich Bergmann. Ich arbeite seit 15 Jahren auf dem
Schaufelradbagger im Tagebau Spreetal. Mein spezielles Problem ist, daß ich einige hundert Meter von diesem Tagebau
wohne. Das Haus, in dem ich wohne, wird von der Kohle, die ich fördere, mit Energie und Gas versorgt. Gleichzeitig baggere
ich unerbittlich auf dieses Haus zu und bin im Jahr 2003 an meinem eigenen Eingeweckten. Habe also, wenn es nach Plan
geht, ab 2003 kein zu Hause mehr. Ich stehe in dem Konflikt, einerseits meine Arbeit gut machen zu wollen, andererseits so
langsam wie möglich. Ich habe überlegt, wie ich diesen Konflikt lösen kann. Ich habe überlegt, ob ich mich diesem Prozeß
entziehe. Ich habe mich entschlossen dazubleiben und habe darüber nachgedacht, was man machen kann. Ich bin allein zu
keinem Ergebnis gekommen. Und dieser Zwang zum gemeinschaftlichen Nachdenken ist ein Grund für meinen zweiten Be-
ruf. Ich mache Lieder und Geschichten und versuche damit über alle Kanäle, die mir möglich sind, an die Leute zwecks ge-
meinschaftlichen Nachdenkens heranzukommen. Ich bin auf die Straße gegangen, in kleine Klubs, habe in der Zirkusarena
gespielt und mich mit Rockern zusammengerauft. Ich habe also ein Bein in der Basis, ein Standbein - und ein Bein im Über-
bau der Gesellschaft, das Spielbein. Das ermöglicht mir einen ständig wechselnden Blickwinkel, und es hilft mir, weil man-
che Probleme werden kleiner, wenn man sie von woanders sieht, und manche werden größer. Der Versuch, diese Doppel-
funktion in der Gesellschaft wahrzunehmen, hat natürlich Probleme, Verständigungsprobleme. Die Leute, die den ganzen
Tag von Sozialismus, Arbeitsschutz und Weltniveau reden, denen bin ich meistens zu vulgär. Und die Leute, deren Vokabu-
lar sich auf Fußball, Votze und Frühstückseier beschränkt, denen bin ich meistens zu hochgestochen, aber ich denke, daß
Verständigung nötig ist, und sie ist auch im Gang.
Die Probleme der Unterhaltungskünstler sind nicht zu trennen von den Problemen des Publikums, für das sie da sind. Wenn
wir hier also über Funktionen von Unterhaltungskunst in der Gesellschaft verhandeln, müßten wir uns vielleicht erstmal ver-
ständigen, welche Funktion unsere Gesellschaft heute hat. Da habe ich mir rein privat mal ein paar Gedanken gemacht, die
ich hier mal ausbreiten möchte. Seit 1917 bewerben sich im wesentlichen zwei Systeme um die Gestaltung der Zukunft der
Menschheit. Dieser Wettbewerb ist weder beendet noch entschieden. Der Sozialismus muß sich erst noch als überzeugen-
de Alternative auf die Herausforderung unserer Zeit erweisen. Der Kapitalismus wartet seit 15 Jahren mit einer ungeheuer ge-
steigerten Innovationsfähigkeit auf, besonders an der ökonomischen Basis. Während es uns heute schwerfällt, uns von Pro-
dukten, Strukturen und Verhaltensweisen zu trennen, die gestern noch Errungenschaften waren und morgen nicht mehr zu
gebrauchen sind. Gestern verwiesen wir mit Stolz darauf, daß die Völker des Sozialismus Brot und Frieden haben. Heute
wissen wir mehr denn je: es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn der Nachbar kein Brot hat. Denn irgendwann steht
der hungernde Nachbar mit der Axt vor der Tür und will an die Vorräte, und es wäre nicht das erst Mal in der Geschichte,
daß der satte Nachbar der erste ist, der in der Pfanne landet. Das diplomatische Ringen um Völkerfrieden disqualifizieren wir
zu einer lächerlichen Farce, wenn wir weiter so unsere Rohstoffe verheizen und verfressen, wie wir es jetzt tun. Damit zwingen
wir unsere Enkel, sich morgen gegenseitig die Köpfe um die paar verbliebenen Ressourcen einzuschlagen, einfach um über-
leben zu können. Viele Jahre waren wir damit beschäftigt, hier Ziegelsteine, Walzbleche, Nägel, Kugellager und Briketts her-
zustellen. Das ging viele Jahre mit der gleichen Technologie, mit der gleichen Qualifikation, nach dem Prinzip: einer sagt,
was gemacht werden muß, und alle packen mit an.
In Großbetrieben wurden die Produktionsmittel und Arbeitskräfte konzentriert. Der Staat vertrat das gesellschaftliche Interes-
se in Form zentralisierter Planung, Leitung und Verteilung. Heute müssen wir automatische Industrieausrüstungen, Hoch-
technologien, Software produzieren. Die Technologien dazu ändern sich ständig, Arbeitsinhalte werden komplizierter, Pla-
nungszeiträume kürzer. Die beteiligten Kollektive werden kleiner. Das ist nicht mehr zu schaffen mit den Leuten, die wir heu-
te als Arbeitskräfte bezeichnen und die die Arbeit mehr oder weniger gut tun, die ihnen aufgetragen wird. Hier müssen mor-
gen bewußte Subjekte agieren, die sich ihre Aufgaben selber suchen, sie lösen, um sich wiederum neuen Aufgaben zu stel-
len. Die Basis für das Entstehen solcher Subjekte ist, daß der Begriff Volkseigentum endlich von einer moralisch ideologi-
schen Kategorie zu einem funktionierenden Mechanismus gemacht wird, denn Eigentümerbewußtsein entsteht nur aus
Eigentümerfunktion, also wenn jedes produzierende Subjekt entsprechenden Einfluß auf Planung, Leitung und Verteilung der
Produktion hat. Die Entscheidungsebenen müssen aus den Ministerien heraus, vor Ort verlagert werden. Die Gesellschaft
muß von unten her demokratisiert werden, an der ökonomischen Basis. Der Staat könnte Verantwortung verteilen, seinen
eigentlichen Aufgaben nachkommen und seinen Apparat reduzieren, wenn er nicht mehr für jede fehlende Schraube verant-
wortlich ist und nicht mehr für jede nicht produzierte Schallplatte. Die Bürger würden sicher auch aufhören, beim Staats-
oberhaupt per Eingabe Abhilfe zu suchen für tropfende Wasserhähne und Wartezeiten in der Wäscherei.
Hier noch ein aktueller Einschub: Es ist hier diskutiert worden über alternative Labels und verschiedene Sachen. Und ich sa-
ge, wir sollten vielleicht nicht soviel diskutieren, sondern es einfach mal probieren. Ich halte diesen Vorschlag von den Rok-
kern, ein "Rockhaus" in Berlin aufzumachen, das sie selber finanzieren, für eine Idee. Sie wollen dafür kein Geld haben, also
machen wir’s doch einfach. Und dann glaube ich, ist ein Rollentausch möglich, weil die Rocker in die Rolle von Veranstaltern
kommen und viele Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen. Und wenn ein alternatives Label existiert, dann ist a) Büttner
nicht immer der Buhmann für alle, die keine Platte haben. Zweitens würde mancher Kollege, der unbedingt der Meinung ist,
die Welt mit einer Platte beglücken zu müssen, und dann bei fünf Labels abgeblitzt ist, vielleicht überlegen, daß er nicht un-
bedingt so ein heißer Macher ist, sondern vielleicht mal an seinen Songs arbeiten müßte. Das bisherige gesellschaftliche
Zusammenleben bei uns basierte auf der Technologie, daß jeder aufgerufen war, im gesamtgesellschaftlichen Interesse zu
handeln, und daß solche Handlungen auch ihm selber nutzen würden. Nun ist es so, daß dieses viele Leute versucht haben
und haben sich zunehmend in schwarze Löcher investiert. Es hat sich nicht gelohnt. Zu viele Leute haben mitgeredet, und
zu viele Leute haben sich heute zurückgezogen in ihre Gärten und Hobbykeller, weil ihre Initiativen, Fragen und Ideen in ihren
Betrieben nicht mehr gefragt waren. Wir müssen für die Zukunft Technologien finden, wie jede Handlung des einzelnen, die
er zu seinem Nutzen unternimmt, in gesellschaftliche Vorwärtsbewegung umgesetzt werden kann. Was sonst das gesell-
schaftliche Zusammenleben betrifft, noch ein letzter Satz: Jeden Versuch, eine Entwicklungsstufe zu überspringen, hat die
Geschichte sich teuer bezahlen lassen oder mit Rückschlägen geahndet. Heute diskutiert niemand mehr darüber, daß wir,
um den Sozialismus aufzubauen, unter unseren Bedingungen die Errungenschaften der bürgerlichen Industrialisierung, der
kapitalistischen Industrialisierung nachholen müssen. Vielleicht ist es an der Zeit, daß wir sagen: Um sozialistische Demo-
kratie zu machen, müssen wir vielleicht erst unter unseren Bedingungen die Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie
nachholen.
Zu einigen Aufgaben der Unterhaltungskunst, die für mich daraus resultieren: Ich kann also den sozialen Auftrag, Wohlbe-
finden zu erzeugen, für mich nicht annehmen. Ich glaube, daß unsere Aufgabe vielleicht darin besteht, die Entwicklung un-
serer Leute von Arbeitskräften zu produzierenden Subjekten zu befördern. Es geht nicht um einfache Reproduktion der tags-
über verschlissenen Arbeitskraft. Es geht um Zuwachs an Fantasie, Weitsicht, Mut, Zärtlichkeit, Aggressivität, Streitlust,
Vertrauen, Konfliktfähigkeit, Ausdauer...
Dabei müssen wir auch immer die Grundgedanken unseres Wirkens als Unterhaltungskünstler neu überdenken. Und den, der
den Anspruch hat, den Leuten nach ihrem harten Tag ein bißchen Freude zu schenken, den frage ich an dieser Stelle: hat
nicht der, der eine technische Neuerung verhindern will, einen ebenso harten Tag, wie der, der sie durchsetzen will? Und
wenn es schon um das Austeilen von Streicheleinheiten geht, warum soll der Verhinderer genauso viel abkriegen wie der
Erfinder?
Was ist für uns Entspannung? - Die Augen verschließen vor einem ungelösten Problem? Oder sich ihm spielerisch von einer
anderen Seite nähern? Unsere Bühnen, Songs und Programme, denke ich, müssen die Spielräume sein, in denen wir unter
den Augen des Publikums und nach seinen Vorschlägen Zukunft trainieren. Hier dürfen nicht die Fragen gestellt werden, auf
die wir heute noch keine Antwort wissen. Hier müssen sie gestellt werden. Wo sonst?
Die Auseinandersetzung zwischen den Systemen hat sich auf unblutige Gebiete verlagert. Es geht um höhere Produktivität
genauso wie um bessere Hits. Auf beiden Seiten hat der Sozialismus Nachholebedarf. Und der Kampf gegen einen Kultur-
imperialismus, der heute versucht, die Gefühle von Völkern zu uniformieren, um seine Hamburger und Fernsehserien weltweit
profitabel absetzen zu können, dieser Kampf ist von uns weder zu führen noch zu bestehen, wenn wir allein bleiben. Auch
hier müssen wir fähig sein zur Koalition der Vernunft und als Koalitionspartner auch Qualifikation aufweisen. Hier ist auch
keine mechanische Front zu ziehen zwischen Osten und Westen. Beispiel: Wenn im ZDF John Wayne demonstriert, daß
der bessere Mann der mit dem größeren Kaliber ist und parallel dazu im ARD Manfred Krug als kleiner Mann versucht, ande-
ren kleinen Leuten zu helfen, sich gegen die Haifische zu wehren, dann sage ich, verläuft die Barrikade zwischen diesen
beiden Kanälen. Oder, bei uns im Zweiten läuft ein spanisch-italienischer Abenteuerfilm, in welchem Dean Reed innerhalb
einer Minute zwanzig Leuten den Garaus macht und dabei Witze erzählt, und in der ARD erzählt Romy Schneider "Eine ein-
fache Geschichte", und ich entscheide mich für die ARD, dann habe ich nicht das Gefühl, auf dem falschen Sender gelandet
zu sein.
Wenn wir uns effektiv dagegen wehren wollen, daß weltweit amerikanische Plastikträume zur eigentlichen Sehnsucht der
Völker hochstilisiert werden, müssen wir uns aufmachen für die Kulturen anderer Völker und unsere eigene Kultur in die Welt
bringen. Wir haben in den letzten Jahren die Türen weit aufgemacht, aber ich habe stark den Eindruck von Einbahnstraße.
Unsere Leute haben mitgesungen, als Springsteen von seinen Sehnsüchten und Ängsten erzählt hat. Aber wie ist es anders-
rum? Ich rede jetzt nicht von verschleppten Paßangelegenheiten, sondern davon, daß wir des öfteren angemahnt werden,
nicht durch übermäßig genaue und kritische Haltungen dem Klassengegner Grund zum Lachen zu liefern oder gar geheim-
dienstliche Erkenntnisse. Aber niemand wird in Zukunft vor oder gar nach Springsteen oder Cocker auf die Bühne gehen, der
nicht in aller Härte, mit aller Offenheit und mit aller Liebe mit den Leuten darüber verhandeln will, was wir hier in diesem Lan-
de miteinander machen; der dies will, darf und kann, nur der wird auf die Bühne kommen.
Zum Schluß noch einige Gedanken, die mich persönlich als Liedermacher betreffen: Wenn man es als seinen sozialen Auf-
trag betrachtet, Fantasie zu ermutigen, Vorschläge zu machen, zu provozieren, Alternativen zu diskutieren, kommt man na-
türlich in Widerspruch zu Leuten, die der Meinung sind, im alleinigen Besitz der Rezepte zu sein. Und es kommt zum Kon-
flikt. Das ist natürlich. Unnatürlich ist, daß meist vorher feststeht, wer der Sieger in diesem Konflikt ist. Ein paar Sachen, die
ich so erlebt habe: Ich habe mal ein Programm von mir vor Kulturhausleitern vorgestellt, und da hat einer gesagt, er würde
dieses Programm nur ideologisch gestählten Werktätigen zumuten. Und ich habe ihn gefragt, wie er da den Kartenverkauf
betreiben will! Des weiteren ist es oft vorgekommen, daß ich von Kulturfunktionären befragt werde, ob das, was ich mache,
denn noch auf unserem Boden gewachsen ist. Ich habe seit zwei Jahren einen Garten und einen erfahrenen Gartennachbarn.
Ich habe noch nie gesehen, daß der vor einer ihm zu mickrig gewachsenen Tomatenstaude steht und sagt: Bist du denn auf
meinem Boden gewachsen. Sondern er überlegt, ob sie vielleicht zu wenig Sonne abgekriegt hat oder zu wenig Wasser, ob
der Boden von Schädlingen befallen ist oder mal wieder umgegraben werden müßte.
Wenn wir vor die Leute gehen, hat das immer was mit Liebe zu tun. Ich habe aber des öfteren die Erfahrung gemacht, daß
sich Künstler und Veranstalter vor dem Konzert solange anwichsen, daß also der Künstler auf die Bühne geht und zu der
Nummer mit dem Publikum nicht mehr fähig ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es eine ganze Reihe von Funktionären
gibt, die ein Verantwortungssyndrom haben. Sie wollen einem immer die Verantwortung für das eigene Produkt abnehmen.
Warum ist das so? Kommt das vielleicht daher, daß sie sich danach sehnen, selber etwas zu produzieren? Vielleicht sollte
man das einführen! Was wird aus uns, wenn wir uns daran gewöhnen, daß uns jemand die Verantwortung abnimmt. Ich frage
als Produzent elektrischer Energie: Wo ist der Funktionär, wenn der Bürger einsam vor die Steckdose tritt, Auge in Auge mit
220 Volt, und jeder weiß, daß ein elektrischer Schlag lebensgefährlich sein kann. Wie wenig gefährlich sind dagegen die
Vorschläge, die ich in meinen Liedern und Geschichten zu machen habe. Als Bergmann produziere ich Energie. Die Leute
setzen sich zu meinem Produkt ins Verhältnis, indem sie Licht einschalten oder nicht. Als Künstler produziere ich Lieder.
Die Leute setzen sich zu meinem Produkt ins Verhältnis, indem sie sich eine Karte kaufen oder nicht. Der Funktionär hat
hier nichts zu tun. Er kann sich seinen eigenen Aufgaben widmen; es sei denn, er will selber auftreten. Das soll er machen.
Da wird er sehen, was er davon hat. Wir werden sehen, was wir davon haben.
Zum Abschluß möchte ich noch einen Satz sagen: Ich wäre natürlich immer noch als Landei in meinem Spreetal, wenn nicht
ein paar Funktionäre und Künstler mich an die Hand genommen und gesagt hätten, guck mal, das könntest du machen.
Willst du nicht? Oder das? Wir glauben, daß du das kannst. Ich habe es gemacht. Ich möchte mich bei denen bedanken.
Viele davon sitzen heute hier. Ich möchte mich bei denen bedanken, die gegen meine Produkte waren und das offen mit mir
diskutiert haben, und ich möchte mich bei denen bedanken, die aus dem Hinterhalt mit Knüppeln geworfen haben, weil, ich
bin dadurch im Training, im Wiederaufstehen.
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